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Flucht und Vergewaltigung

Flucht und Vergewaltigungen in Mecklenburg 1945

von Traute Pagel (*1936)

  • Flucht aus dem brennenden Danzig 1945

    "Heute gehen wir los!" Meine Mutter hatte mit meiner ältesten Schwester Vera in dem Flüchtlingslager in Mecklenburg, in das wir nach unserer Flucht aus Danzig gekommen waren, die halbe Nacht geflüstert. Wir bekamen von der Lagerleitung etwas Marschverpflegung. Dann wurden unsere Namen aufgeschrieben, das Datum und unser Ziel. Mama überlegte etwas, dann sagte sie bestimmt: "Wiesbaden!" "Bitte?" Die Aufseherin sah Mama erstaunt an. "Das ist aber ne ganze Ecke junge Frau! Mit sieben Kindern! Bis Wiesbaden?" "Wir schlagen uns schon durch!" Mama steckte mit energischen Bewegungen das Dokument mit dem Stempel des Roten Kreuzes in ihren Beutel. "Na dann viel Glück!" Die Aufseherin sah uns nach. "Wo ist denn Wiesbaden?" fragte ich Mama, als wir draußen die schöne Mailuft in uns einsogen. "Weit, sehr weit!" - Die Sonne schien, wir waren warm eingepackt und gesund. Wir fanden das Leben wieder schön. Zwei und zwei marschierten wir erwartungsvoll hinter Mama her, die wieder ihr geblümtes Kopftuch umgebunden hatte. Auf den Höfen, an denen wir vorbeikamen, manchmal mehrere Stunden auseinander, bekamen wir etwas zu essen und durften meistens in den Ställen und Scheunen schlafen. Dann ging es weiter, immer entlang der Bahngleise. Quer durch das Mecklenburger Land.

    Einige Tage ging das so, dann schlug das Wetter um. Es begann zu regnen. Auch stellten sich einige Unpässlichkeiten ein. Mein Bruder Arno hatte eine wundgescheuerte Ferse, meine Schwester Lotte hatte sich die Hand verletzt, beim Klettern über einen Zaun. Mama tat das Knie weh, und ich hatte einen dicken Pickel mitten auf meiner linken Wange. Das war ein Fremdkörper, und ich hatte noch nie so etwas gehabt, also tastete ich daran herum. Mama schimpfte mit mir, wenn sich dabei erwischte, und schlug mir auf die Finger, aber ganz automatisch kratzte ich daran herum, bis es anfing zu eitern. Nun war es ja ganz normal, dass unsere Hände nicht sauber waren. Sicher, wenn wir auf unserer Wanderung einen Bach sahen, stürzten wir uns darauf und spielten mit dem schönen klaren Wasser, aber, meistens hatten wir "Dreckpfoten" wie Mama sagte. Na ja, so hatte ich denn ein dickes eitriges Geschwür im Gesicht, und Mama suchte in einem Dorf einen Doktor, der sich das ansehen sollte. Wir fanden auch jemanden. Ein alter Mann mit einem Zwicker auf der Nase lächelte mich an und reinigte das entzündete Ding auf meiner Wange. Wir bekamen Salbe, was noch lange nicht selbstverständlich war. Alles was man zum Verbinden von Wunden brauchte, war Mangelware, denn die Soldaten an der Front brauchten Mengen davon, sagte Vera. Nachschub gab es nicht, und so musste der Arzt lange kramen, um einen Fetzen für mein Geschwür herbei zu zaubern. Nachdem der Eiter ausgewaschen und das Ganze desinfiziert war, heilte es in ein paar Tagen ab. Ob es wehgetan hat? Ich weiß es nicht mehr. Mama entdeckte eines Morgens, dass wir außer Flöhen jetzt auch noch Läuse hatten. Wir kratzten uns Tag und Nacht. "Die Zöpfe schneiden wir ab, dann kann man die Köpfe besser waschen!" Lotte protestierte vorsichtig, doch wenn Mama einmal einen Entschluss gefasst hatte, half kein Wehren. "Sobald wir eine Schere auftreiben, opfern wir die Zöpfe, sie wachsen ja wieder!" Basta!

    Am Weg lag in der Nähe der Gleise ein Gutshof. Einige verschreckte Hühner liefen uns über den Weg. Vorsichtig gingen wir auf die Scheune zu. Wir sahen einen alten Mann, der tot auf dem Rücken lag. Seine Augen starrten leer in den Himmel und der Mund stand weit offen. "Nicht hinsehen", sagte Mama. Und so versuchten wir, an dem Toten vorbei zu sehen, was natürlich nicht ganz möglich war, weil er mitten auf dem Weg lag. Ich hatte bei dem Anblick so ein merkwürdiges Gefühl in den Beinen. Schnell sprang ich beiseite und folgte Mama, die auf die Scheune zuging. Es waren keine Lebewesen zu sehen und Mama rief mutig: " Hallo, ist da jemand?" Aber niemand antwortete. Das offene Scheunentor schlug im Wind, und als wir näher kamen, sahen wir, dass viel Stroh in der Scheune war. O wie gerne hätte ich jetzt hier mit meinen Geschwistern gespielt, aber Mama ging weiter und wir folgten ihr. Da waren die Stallungen. Kein Vieh war zu sehen. Die Türen standen sperrangelweit offen, und in einiger Entfernung saß ein kleines mageres Kätzchen und putzte sich in der Sonne. Erfreut liefen wir hinüber, aber ein Sprung, und fort war das schwarz-weiße Tierchen. Da war das Wohnhaus. Nie vergesse ich das Bild, das sich uns bot. Wir betraten zögernd eine große Küche. Der Tisch, mitten im Raum war gedeckt. Da standen vier gefüllte Teller. Mama beugte sich über einen der Teller. "Verdorben", murmelte sie, "steht schon lange so da. Etwa vier bis fünf Tage". Es war schon Schimmel darauf. Wo mochten die Leute wohl sein, die zu diesem Hof gehörten? Eine Tür führte zu einer Kammer, wohl einer ehemaligen Vorratskammer. Ein wüstes Durcheinander starrte uns entgegen. Umgeworfene Einmachgläser, deren Inhalt auf dem Boden lag. Dazwischen zerborstene Tüten, aus denen Grütze und Mehl, Gewürze und anderes Zeug eine ungenießbare, schmutzige Masse bildeten. Eingelegte Gurken lagen überall verstreut. Eine Menge Kakerlaken krabbelten über den Fußboden, zwischen den verdorbenen Lebensmitteln herum. Hier hatte etwas stattgefunden, von dem wir Kinder damals keine Ahnung hatten. Wir dachten nur an unsere knurrenden Mägen.

    Mama hatte ein Stück Speck in einem der Schränke erwischt. Strahlend hielt sie es hoch und wir fanden auch ein Messer, das sofort in Aktion gesetzt wurde. "Schade, kein Brot", sagte Vera und zerlegte den Speck in kleine Würfel. Ein Glas Kürbis, das nicht zerbrochen war, machte den Speck zu einer Delikatesse. Das verdorbene Essen auf dem Tisch wurde einfach beiseite geschoben, und wir stillten unseren Hunger. Erleichtert plapperten wir drauflos und liefen im ganzen Haus herum. Wir fanden viele Sachen, die man anziehen konnte, auch "Klotschen", Schuhe aus Holz, und erfreut trennten wir uns von unseren verlausten Sachen. Richtig fröhlich liefen wir zu Mama und stellten uns vor und saßen anschließend im Halbkreis auf dem Boden und hielten "Kriegsrat". Wir beschlossen, eine Nacht auf dem Hof zu bleiben, als Mama den Finger auf die Lippen legte und uns beschwörend ansah. Sofort waren wir mucksmäuschenstill und Vera huschte zum Fenster. Wir hörten Stimmen. Leute kamen auf den Hof zu. Vera am Fenster zeigte sechs. "Raus hier, verstecken!" zischte Mama, "erst mal sehen, was für Leute das sind!" Wir liefen über eine kurze Treppe durch den Hinterausgang ins Freie. "Leise!" Vera hielt Lotte fest, die einfach quer über den Hof laufen wollte. Wir schafften es gerade noch, uns hinter der Scheune zu verstecken. Vorsichtig schob ich meinen Kopf vor und konnte so den Hof einsehen. Die sechs Leute standen bei dem toten alten Mann. Abgerissene Gestalten, wahrscheinlich Flüchtlinge wie wir. Eine Frau zog dem Toten die Stiefel aus, eine andere die Hose, eine dritte schwenkte das Hemd des alten Mannes. An Ort und Stelle zogen sie ihre Lumpen aus, und mit viel Geschrei zankten sie sich um die Stiefel. Wir rührten uns nicht von der Stelle. Vera gab uns ein Zeichen "Ruhe! Kopf einziehen! Abwarten!" Die Leute gingen jetzt auf das Wohnhaus zu. Wir hörten sie drinnen rumoren und schreien. Mein Herz schlug mir bis zum Hals vor Aufregung. Vera gab das Kommando: "Jetzt!" Geduckt liefen wir über das Feld hinter dem Haus. Einige Krähen flogen erschreckt auf. Arno an meiner Hand hatte sich den Fuß vertreten. Er humpelte, aber er sagte kein Wort. Nur seine großen ernsten Augen sahen mich vertrauensvoll von der Seite an. Ich lächelte ihm zu. Ja, er war tapfer, mein kleiner Bruder.

    Wir erreichten den Waldsaum und Mama rief "Pause!" Erleichtert ließen wir uns auf den weichen Waldboden fallen, um sofort wieder aufzuspringen: "Ameisen!" sie krabbelten zu Hunderten über den Waldboden. So suchten wir eine andere Stelle für unsere Rast. Wir saßen vor Mama und hielten wieder Kriegsrat. Bis zum Abend waren es noch etwa vier Stunden. In dieser Zeit mussten wir ein Dach über dem Kopf haben. Warm eingepackt waren wir ja nun, und ich sehe noch meine Schwester Margot, wie sie stolz und lächelnd auf ihre Holzschuhe sah, die sie auf dem Hof neben der Tür gesehen hatte. Niedliche Schuhe, vorne spitz zulaufend und mit aufgebogener Spitze. Sie hatte sich darauf gestürzt und sie nicht mehr losgelassen. Jetzt saß sie da und schaute auf ihre Füße. Blau waren die Schuhe, und über dem Spann hatten sie einen breiten Lederriemen. Langsam beruhigten wir uns und setzten unsere Wanderschaft fort.

    Nahe eines kleines Sees trafen wir auf ein kleines Lager. Etwa hundert Leute saßen in Gruppen um selbstgebaute Feuerstellen, Viele hatten Fische, die über den Feuern gebraten wurden. Wir sogen den Duft in unsere Nasen und hofften, dass jemand seine Mahlzeit mit uns teilen würde. Aber wir hatten kein Glück; niemand hatte einen Happen übrig und so mussten wir hungrig und traurig auf Essen verzichten. Vera hatte wenigstens Wasser organisiert. Das Blechgeschirr machte die Runde, und weil es schon spät war, schliefen wir bald erschöpft ein. Da schreckte ein Geräusch uns auf. Panzer! Knirschende Panzerketten! Panik erfasste die Frauen und Mädchen. Es hatte sich herumgesprochen, was ich damals noch nicht verstand: Die Russen vergewaltigten die Frauen! Ich sah einige junge Mädchen, die die Flucht ergriffen und in dem nahen Gebüsch verschwanden. Die Frauen, die bei den Kindern saßen, hatten keine Möglichkeit zu fliehen. Panisch versuchten alle, sich zu entstellen. Auch Mama zischte Vera zu "Weg! Lauf Mädchen!" Vera war verschwunden und wir sahen nun, wie Mama sich mit einigen Handgriffen in eine alte Frau verwandelte. Sie öffnete das Kopftuch und die dunklen, krausen Haare wurden ins Gesicht geschoben. Darüber kam dann eine Windel von Ulla. Dann nahm Mama die falschen Zähne aus dem Mund. Der Oberkiefer fiel zusammen. "Gib mir Deine Brille!" Mit zitternden Fingern nahm sie die Brille von Giesela und nun war sie nicht wiederzuerkennen.

    Und dann kamen sie. Sechs oder acht Soldaten gingen durch die Reihen der Flüchtlinge und wir sahen mit weit geöffneten Augen, wie Frauen zwischen ihren Kindern weggezogen wurden. Auch sehr junge Mädchen mit Zöpfen schleiften sie weg. Wir hörten sie schreien, als sie in der Hütte am See verschwanden. Mama wurde unruhig. Wo war Vera? Verzweifelt sah Mama sich um. "Fasst euch an! Schön zusammenbleiben, wir gehen in die Richtung, in die Vera gelaufen ist!" Wir rafften unsere Decken zusammen, genau wie die Menschen um uns herum. Nicht weit von uns tippte ein Russe mit einem roten, runden Gesicht und hohen Stiefeln einer Frau auf die Schulter. "Matga kum- fünf Minuten!" - Die Frau biss dem Mann in die Hand und er fluchte laut auf Russisch. Dann schlug er auf die Frau ein. Die Kinder kreischten, und es war gerade noch Zeit, wegzulaufen.

    Wie freuten wir uns, als plötzlich Veras Gesicht aus der Dunkelheit auftauchte. Nein, unsere Schwester hatte uns keinen Moment aus den Augen gelassen. Mama drückte sie dankbar. Wir gingen schnell, ohne zu reden oder anzuhalten. Die Angst saß uns im Nacken. Bis zum Morgengrauen gingen wir die Landstraße entlang. An einem See vorbei und wir sahen einige Tote, zusammengesunkene Gestalten, meist alte Menschen. "Schaut nicht hin!" sagte Mama wieder. Aber das war nicht möglich. Irgendwann legten wir uns in einen tiefen Graben und deckten uns mit unseren Decken zu. Mama betete; ich sah, dass ihre Lippen sich bewegten. Wir saßen auf der Mauer, die das Grundstück eines großen Gutshofes abgrenzte. Mama ging entschlossen die breite Treppe zum Haupthaus hinauf. Ich sah mich um. Viele Gebäude gehörten zu diesem Hof. Da gab es eine Reihe Ställe und auch ein Gesindehaus. Etwas abseits im Feld stand ein kastenförmiges Häuschen mit einem geschnitzten Herz in der Tür. Wir kannten so ein Häuschen schon. Viele Höfe, auf denen wir übernachtet hatten, hatten so ein Plumpsklo.

    Mama klopfte an die große Eingangstür. Sie betätigte dazu einen großen Türklopfer, einen Bärenkopf, der einen Ring durch die Nase hatte. Niemand öffnete. Da kam sie wieder zu uns und zusammen gingen wir über den Hof, wo ein großer Dunghaufen einen beißenden Geruch verbreitete. Es regnete, und irgendwo mussten wir schlafen. Wir schauten in die Ställe. Die meisten waren leer, bis auf einen Schweinestall, wo uns zwei Schweine angrunzten. Aus dem Kuhstall kamen Geräusche und dann trat eine Frau heraus. Sie hielt einen Eimer in der Hand, in dem Milch schwappte. Erstaunt sah sie uns an. "Schon wieder Flüchtlinge?" Sie musterte uns prüfend aber nicht unfreundlich. Es kam so, dass wir in der Scheune ein Lager bekamen. Joseph, der Fremdarbeiter zeigte uns, wo wir unsere müden Beine ausstrecken durften. Die Bäuerin brachte uns etwas Brot und Milch und sprach mit Mama, während wir selig im Stroh spielten und die kleinen Kätzchen streichelten, von denen es mehrere gab. So war unsere Welt erst einmal in Ordnung und wir schliefen tief und fest, bis der Hahn auf dem Misthaufen sein Morgenlied schmetterte und die Sonne rotgolden durch die Ritzen der Scheune schien. Wir waren ausgeschlafen und neugierig, wie es weiter gehen würde. Die Bäuerin kam und holte uns ins Haus. Schüchtern traten wir über die Schwelle. Wir betraten die Gesindeküche. Ein langer, schwerer Tisch stand mitten im Raum. eine offene Feuerstelle mit flackerndem Feuer, darüber ein Topf, aus dem es herrlich duftete. Grütze! das gab es meistens auf den Höfen. Jeder bekam einen Löffel und der Topf wurde mitten auf dem Tisch platziert. Mama sagte immer nur: danke, danke, vielen Dank! - Die Bäuerin lächelte uns aufmunternd zu. Besonders Arno hatte es ihr angetan. "Musst essen Bübchen! Musst groß und stark werden!" Zärtlich drückte sie unseren Bruder an ihren gewaltigen Busen. Später hat sie Mama anvertraut, dass ihr kleiner Sohn an Tuberkulose gestorben war. "Und vor vier Wochen", so erzählte sie, kamen Russen auf den Hof. "Sie trieben das Vieh und die Pferde fort und nahmen alles mit, was ihnen wertvoll erschien. Sie vergewaltigten Anna, die Magd, teilten mit Geschrei die Vorräte und tanzten anschließend betrunken auf dem Hof." Das Gesicht der Frau war leer und hilflos. "Bestimmt kommen eines Tages wieder Russen." "Warum gehen sie nicht fort?" Mama sah ihr in das traurige Gesicht. " Nein", sagte die Bäuerin, "sie haben mir alles genommen was mir lieb war, mein Mann ist im Feld gefallen, wohin soll ich gehen, ich bleibe hier."

    Es kam so, dass wir auf dem Hof helfen sollten so gut wir konnten. Wir schliefen in der Scheune. Es war Sommer und das Strohbett war warm und weich. Vera, Lotte und Giesela halfen mit Mama im Haus und auf dem Feld und ich hatte die Verantwortung für meine kleinen Geschwister Margot, Arno und die kleine Ulla. So vergingen die Tage und Wochen. Es war inzwischen Sommer geworden. Wir halfen auf dem Feld, lernten Kühe hüten und melken. Wir fütterten eine Hühnerschar und der prächtigste aller Hähne mit blankem, bunten Gefieder weckte uns jeden Morgen. Arno taute langsam, ganz langsam, auf und Ulla lief kreischend zwischen dem Federvieh herum. Wir dehnten unsere Spaziergänge immer weiter aus und so kam es, dass ich mit Margot, meiner jüngeren Schwester eines Tages tief im Wald unterwegs war, um Reisig zu suchen. Wir hatten schon ein ziemliches Bündel zusammen, als plötzlich ein Schrei durch den Wald gellte. Da - wieder ein Schrei! Da kam mit fliegenden Haaren ein Mädchen fast in unsere Richtung gelaufen. In etwa 20 Metern Entfernung verfolgten sie zwei Männer in Uniform. "Hinlegen!" zischte ich Margot zu, und dann lagen wir beiden platt auf dem Waldboden. Das Mädchen stolperte gar nicht weit von uns und ich hörte, wie die Männer riefen: "Stoi - Marlinka, stoi!" Dann waren sie bei ihr und wir wurden Zeugen einer Vergewaltigung. Wir hörten das Mädchen schreien und sich wehren und das raue Lachen der Soldaten. Wir lagen stocksteif hinter einem umgestürzten Baumstamm, zwischen hohem Farn und verborgen hinter unserem Reisigbündel.

    Ich hielt mir die Ohren zu, um das Schreien des Mädchens nicht hören zu müssen, aber ich weiß noch, dass es mir nicht ganz gelang. Ich betete: " Jesus, liebes Jesuskind, hilf ihr! Großmama, bitte schick einen Engel, bitte, hilf ihr!" Das Schreien war zu einem Wimmern geworden. Schließlich war nichts mehr zu hören. Vorsichtig hob ich den Kopf. Ich sah, dass die beiden Soldaten sich entfernten. Sie schwankten leicht, und der eine hielt eine Flasche in der Hand. Was war mit dem Mädchen?? Margot neben mir zitterte am ganzen Körper. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. "Wenn sie nicht mehr zu sehen sind, sehen wir nach dem Mädchen!" Margot schüttelte heftig den Kopf. Ihre blauen Augen sahen mich verzweifelt an. "Haben sie sie tot gemacht?" "Weiß nicht, kommst du mit?" Wieder schüttelte meine Schwester den Kopf. " Bleib still liegen, bin gleich wieder da!" Ich kroch vorsichtig aus meiner Deckung, spähte ängstlich und mit klopfendem Herzen um mich. Nein, niemand war in der Nähe. Da erhob ich mich, lief ein paar Meter und dann hatte ich das Mädchen entdeckt.

    Ich sah, dass sie den blonden Kopf bewegte. Gott sei Dank, sie lebte. Ich wollte zu ihr, aber ich hörte wieder Männerstimmen. Das Blut stockte in meinen Adern, ein heißer Schreck durchfuhr mich. Sie kamen zurück!! Schnell rannte ich zu meiner Schwester, die immer noch mit dem Gesicht am Boden stocksteif dalag. "Komm", ich riss sie hoch und wir hetzten durch den Wald, dem Dorf zu. Der Weg kam mir unendlich lang vor. Endlich, nach einer Ewigkeit, tauchte der Hof vor uns auf. Da war Mama mit Ulla, da war die Bäuerin und Josef, der Knecht. Ich rang nach Atem und war froh - so froh - sie alle wieder zu sehen. Margot, meine Schwester, stolperte in einiger Entfernung. Sie fiel lang hin und hatte nicht die Kraft, sich wieder zu erheben. "Was ist?" Mamas dunkle Augen sahen sorgenvoll in mein Gesicht. Ich versuchte, zu berichten, was wir gesehen hatten, aber es wurde ein zusammenhangloses Gestammel. "Erstmal in die Stube!" Mama hob mich auf einen Stuhl und ich fühlte, dass meine Beine so merkwürdig zitterten. Mama hantierte auf dem Herd. Nach einem Weilchen, Margot war inzwischen auch da, bekamen wir warme Milch und so ganz langsam beruhigten wir uns. Es gelang mit, meine Geschichte verständlich zu erzählen und Mama wurde ganz still. Sie rief Vera herein, die draußen den Hof fegte. Dann erzählte sie unserer großen Schwester, was wir gesehen hatten und Veras Augen waren weit und erschrocken. "Der Wald ist in Zukunft tabu!" sagte Mama, aber dieser Ermahnung hätte es nicht bedurft, wir hätten ihn sowieso nicht mehr betreten.

    In der Nacht konnte ich nicht einschlafen, immer noch gellten in meinen Ohren die Schreie des jungen Mädchens. Margot, neben mir im Stroh, wälzte sich auch hin und her. "Ob sie jetzt wohl wieder zu Haus ist?" Ich wusste, wen sie meinte. "Weiß nicht", entgegnete ich leise. - Ich beschloss zu beten und beschwor in mir das Bild meiner geliebten Oma herauf. Ich konnte, wenn ich die Augen schloss, ihre Hand auf meiner heißen Stirn fühlen. Da löste sich der Stein in meiner Brust, und ich weinte und weinte, bis ich endlich erschöpft einschlief. -
    Am anderen Morgen weckte uns der Hahn, wir hatten ihn Oskar getauft, und kurz darauf polterte der Wagen über den Hof, der die Milchkannen holte. Der alte Mann auf dem Kutschbock hatte einen Buckel und schlohweißes Haar. Ein dichter Bart wuchs gewaltig und undurchdringlich in seinem Gesicht. Man sah nur kleine, schwarze Augen daraus hervorlugen. Er sprach kaum, grüßte nur kurz und war, nachdem er die Milchkannen aufgeladen hatte, und eine leere hinstellte, sofort wieder verschwunden. Heute ging Mama zu ihm und wir sahen durch das Fenster, dass sie miteinander sprachen. Dann kam Mama herein und ihr Gesicht war still und traurig. "Sie ist aus dem Dorf, " sagte sie zu Vera, "man hat sie schrecklich zugerichtet, das arme Mädel!" Bedrückt sahen wir einander an. Das wurde ein trauriges Frühstück.

    Bald danach, wir schliefen inzwischen im Haus, weil die Bäuerin sich so einsam fühlte, schlug jemand laut und unüberhörbar gegen die Haustür. "Jesses Maria!" Die Bäuerin nahm die Petroleumlampe, zündete sie umständlich an und, während das Poltern immer eindringlicher wurde schlurfte sie in Nachthemd und Pantoffeln zur Tür. Wir waren schlagartig hellwach und saßen in unseren Betten. Mama wurde aktiv. Instinktiv muss sie die Gefahr gespürt haben. Da war im hinteren Zimmer ein großes Bild an der Wand, es zeigte die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Schoß. Davor stand ein ziemlich langes Sofa mit rotem Samt bezogen. Darunter musste Vera kriechen. Wirklich, man sah nichts mehr von ihr. Nun mussten wir uns alle auf das Sofa setzen, und Mama nahm die schlafende Ulla auf den Schoß. Auf der Diele schrieen Männer die Bäuerin an: " Wo blonde Marlinka? Wo Marlinka?" Die Tür wurde aufgerissen, und zwei Russen standen im Zimmer. Suchend sahen sie sich um. Mama hatte ihren Rosenkranz in der Hand und wir beteten laut das Ave Maria. Die Männer starrten zu uns herüber. Bis heute frage ich mich, warum sie nicht näher kamen. Kann es sein, dass das Bild, das sie sahen, sie dazu brachte, den Raum zu verlassen? Jedenfalls drehten sie sich um und gingen hinaus. "Betet weiter!" Mamas Stimme war rau vor Aufregung, "Vielleicht kommen sie wieder!" Sie kamen nicht wieder. Vera kroch nach einiger Zeit unter dem Sofa hervor und rieb sich die Glieder. Die Federn des Sofas hatten sie ganz schön zusammengedrückt. Alles war noch mal gut gegangen und am nächsten Morgen rätselten wir immer noch, warum die Soldaten plötzlich kehrt gemacht hatten. In Russland wird die Gottesmutter sehr verehrt - war das der Grund? - Jedenfalls beschloss Mama, diesen Hof sobald es ging wieder zu verlassen. Irgendwann würden sie wiederkommen, die Soldaten, betrunken und brutal würden sie vor keiner Madonna mehr halt machen, bestimmt nicht!

    In den folgenden Nächten, in denen wir angstvoll auf jedes Geräusch lauschten, hörten wir ein seltsames Hämmern. Einmal kam es von der Nordseite des Hofes, dann wieder aus südlicher oder östlicher Richtung. Überall klopfte es und wir konnten uns das Geräusch nicht erklären. Die Bäuerin lief mit wirren Haaren ängstlich von Fenster zu Fenster. Nichts war zu sehen. Am dritten Tag, im Morgengrauen, als Nebel über den Wiesen lag und aus dem Stall das Muhen der Kühe zu hören war, kam der Milchkarren auf den Hof gepoltert. Gustaf, der alte Bauer, lud die volle Kanne auf und die leere stellte er an den Wegesrand, so wie jeden Morgen. Aber diesmal fuhr er näher an das Wohnhaus heran. Da öffnete sich die Tür, und vermummte kleine Gestalten huschten zum Milchwagen. Es ging lautlos und schnell. Die Frau mit dem Kleinkind auf dem Arm kam zuletzt. Alle waren auf dem Wagen und lagen zwischen den Milchkannen. Gustaf deckte uns mit einer Gummiplane zu, und los ging es. Der Wagen holperte über den schlechten Weg die Landstraße entlang. Ich weiß noch, dass ich mich kaum traute zu atmen. Gustaf auf dem Kutschbock trieb sein Pferdchen zur Eile und am nächsten Hof kam noch eine Milchkanne dazu. Der alte Mann hob kurz die Plane hoch und ermahnte uns: "Keinen Mucks!" Er knallte mit seiner Peitsche und weiter ging es. Der Hofhund bellte laut und wild, er hatte uns gewiss entdeckt, etwas an dem Wagen muss ihm komisch vorgekommen sein. Ich war erleichtert, als das laute Bellen zurückblieb, vor Hunden hatte ich einen Mordsrespekt! So holperten wir unserem ungewissen Schicksal entgegen. Was erwartete uns? Wohin brachte uns der Milchbauer? Etwa eine Stunde ging es über Stock und Stein. Brrrr... Gustaf zog die Zügel fest an, das Pferdchen stand still. Wir hörten Stimmen: "Sie sind da! - wie viele sind es? woher kommen die?" "Macht Platz!" rief Gustaf und die schwarze Gummiplane wurde zurückgeschlagen. Vorsichtig hoben wir die Köpfe, streckten die erstarrten Glieder. Lotte war eingeschlafen. Vera rüttelte sie. Verschlafen rieb sie sich die Augen. Immer noch auf dem Wagen, zwischen den blanken Milchkannen, sahen wir uns um. Der Wagenstand vor einem größeren Haus. Es könnte eine Schule sein, dachte ich. Die vielen Fenster ohne Gardinen schauten auf uns herab. Gustaf half zuerst Mama vom Wagen. "Schnell, junge Frau, ich muss weiter!" So krabbelten wir eins nach dem anderen vom Wagen und sahen in viele Gesichter. Lauter Frauen und Kinder. Neugierig umringten sie uns und ein halbwüchsiger Junge stellt der verschlafenen Lotte ein Bein, als sie vom Wagen kletterte. Da war meine Schwester sofort hellwach. Ihre Hand schnellte vor und landete im Gesicht des verdutzten Jungen. Ich sah Wut in ihren Augen. Ja, das war von Anfang an geklärt!! Die Frauen nahmen sich unser an und wir erfuhren, dass alle versprengten Flüchtlinge waren, die hier in Großmeno eine Unterkunft gefunden hatten. Sie wohnten in der Turnhalle der Schule (es war tatsächlich eine Schule!) Tagsüber arbeiteten sie auf den Feldern oder Höfen der Bauern. Dafür bekamen sie zu essen und fühlten sich ganz wohl. Eine ehemalige Krankenschwester übernahm die notwendige Versorgung der kleinen Wehwechen und wenn es ganz schlimm war, wurde der alte Dorfdoktor gerufen. So war alles gut organisiert. "wir bleiben bis November" sagte eine ältere Frau, dann kommen wir in ein Lager. Wir werden von den Tommis weggebracht, denn in dieser Halle können wir nicht über den Winter bleiben!

    Mama erzählte die Geschichte von dem Mädchen, das im Wald vergewaltigt worden war. "Hier seid ihr sicher! Hier ist viel Militär. Ihr werdet es schon sehen! Es sind Russen, die den Frauen im Wald auflauern. Vera strich sich nachdenklich durchs Haar. Sie verfolgte die Unterhaltung der Frauen aufmerksam. Dann gab es Frühstück, Lotte freundete sich mit dem Jungen an, dem sie eine geklebt hatte. In Zukunft sah man die beiden oft zusammen. Lustige Tage folgten, und wir spielten und tobten durch die Halle, und Vera konnte endlich wieder Spagat und Brücke machen und genoss es sichtlich, dass die ganze Kinderschar sie umringte und bewunderte.

    Eines Morgens hielt Gustaf mit seinen Milchkannen vor dem Haus. "Brrr!" rief er und kletterte vom Kutschbock. "Ihr habt einen Schutzengel!" Er sah uns ernst an. "Das Haus ist diese Nacht in die Luft geflogen. Sie haben es gesprengt!" Mamas Augen wurden groß und rund. "Der Hof?"… "Ja, ich glaube nicht, dass die Leute es überlebt haben, - ein einziges Trümmerfeld!" - Mama musste sich setzen, sie hatte keine Farbe mehr im Gesicht. Jemand brachte ihr ein Glas Wasser. "Sie haben den Hof einfach so in die Luft gejagt!" Er rief "hüa!" und Pferd und Wagen entschwanden aus unserem Blickfeld. Wie angewurzelt standen wir um Mama herum. Vera war es, die die Sprache wiederfand. "Bestimmt hängt das mit dem Hämmern zusammen, das wir gehört haben. Sie haben bestimmt eine Leitung gelegt!" Mama sah sie an, als wäre sie gerade aus einem Traum erwacht. Den ganzen Tag über konnte sie nicht sprechen. Auch uns fiel das Spielen nicht so leicht wie sonst. Ein Trümmerfeld? Alles zerstört? Wo mag die Bäuerin sein? Ob sie wohl noch lebte? Josef, der Knecht und Zwangsarbeiter? Nach der Beschlagnahme des Viehs waren noch drei Kühe und vier Schweine geblieben; waren alle tot? Die Hühner und der prächtige Hahn? Die Katze mit ihren vielen Kindern? Fragen, so viele Fragen die mir durch den Kopf gingen. Wir Kinder redeten, nein, wir tuschelten mit ratlosen, erschrockenen Gesichtern. Wir haben die Hintergründe niemals erfahren, aber im Dorf wurde fleißig diskutiert. Manche wollten die Bäuerin gesehen haben. Andere sagten, sie sei erschlagen worden. Nach einer Woche sprach niemand mehr darüber. Für uns stand eines fest, wir hatten einen guten Schutzengel, der uns führte und Mama wurde nicht müde, täglich den Rosenkranz zu beten. Im Dorf war fast jeder Hof beschlagnahmt. Soldaten wohin man sah. Pferde und Schweine wurden geschlachtet. Wir lebten von Kartoffeln und Gemüse von den Feldern. Wollten wir Brot, mussten wir stundenlang anstehen im Dorf. Aber wir lebten und waren gesund.

    Es war nun Herbst geworden. Wind und Regen peitschten durch die Felder und Wiesen. Man musste sich schon warm anziehen, soweit das möglich war. Wir zogen mehrer Sachen übereinander. Wie das aussah war uns ganz und gar egal, Hauptsache war, wir froren nicht. Bald kamen die ersten Nachtfröste. Die Turnhalle war eiskalt. Auf den Feldern gab es nichts mehr zu helfen. Da kam die Nachricht, dass wir uns zum Abtransport bereithalten müssten.






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