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Flucht aus dem brennenden Danzig 1945

Dieser Eintrag stammt von Traute Pagel (*1936)
aus Utersum/Föhr
, März 2005:
  


Flucht aus dem brennenden Danzig 1945
Kriegsalltag in Danzig 1945

Während eines Luftangriffs auf Danzig wurden meine Familie und ich von Soldaten mit Pferdewagen aufgelesen, die die Leute auf der Straße aufgesammelt haben, um sie aus der brennenden Stadt zu bringen. Ich kauerte mit meinen Geschwistern und Mama auf dem Pferdegespann und man hatte eine Plane über uns geworfen, wegen der Funken, die durch die Luft flogen. Ich schluckte an meinen Tränen herum, die als dicker Kloß in meinem Hals saßen. Wie gerne hätte ich jetzt laut geweint, aber es war nicht die Zeit zu weinen. Ich hob die schwere Plane etwas an, so dass ich durch einen Spalt sehen konnte. Nie vergesse ich das Bild, das sich einbrannte in mein Kindergemüt, unauslöschlich, für immer und ewig. Wir jagten gerade im Galopp über die Brücke, die sich über die Mottlau spannte. Zum Glück war sie noch heil. Feuer loderten wie übergroße Fackeln zum Himmel und spiegelten sich im Wasser. Viele Häuser der "langen Brücke" brannten. Ich sah die Umrisse des Krantors, das sich dunkel vom glutroten Himmel abhob. Schwarze Rauchwolken über allem und dazu das Dröhnen von Flugzeugen. Es war gespenstisch. Der Kutscher gab dem Pferd die Peitsche und wir jagten durch die Nacht.

Irgendwann hielten wir. Die Männer hoben uns vom Wagen. Wir befanden uns inmitten vieler diskutierender Menschen. Eine Frau vom Roten Kreuz mit einer Armbinde kam auf uns zu. "Seid ihr schon registriert?" Mama schüttelte den Kopf. Sprechen konnte sie nicht. Ihre Augen flogen über uns. Ja, alle waren da. Unsere Namen wurden aufgeschrieben. Die Frau strich Ulla über das Köpfchen "Arme Kinder", sagte sie, "bald gibt es etwas zu essen!" Sie lächelte uns zu und ging mit ihrer Liste weiter, es mussten noch viele Leute registriert werden. Decken wurden verteilt und wir suchten uns einen Platz und setzten uns auf die Decken. Meine Schwester Lotte legte sich sofort hin. Auch wir anderen waren erschöpft. Viel zu müde, um irgendetwas sagen zu können. Mama holt ihren Rosenkranz hervor und ihre Lippen bewegten sich. Das Beten schien sie zu beruhigen. Ich sah mich um. Ein Gewimmel von Menschen, lärmende Kinder, keifende oder weinende Frauen, - manche hatten bei der überstürzten Flucht aus der Stadt ein Kind verloren, und die Rot-Kreuz-Helfer bemühten sich, die Frauen zu trösten. Eine Frau mit irrem Blick und wirrem Haar lief durch die Reihen der Flüchtlinge und rief immer wieder "Hedwig! Hedwig!" Sie kam auch zu uns und sah auch mir ins Gesicht. Ich sah in weit aufgerissene Augen. Verzweiflung und irre Angst schlug mir entgegen. Sie lief weiter und ich dachte an Großmama und Tante Ella und Tante Hertha. Wo mochten sie sein? Die Stadt brannte lichterloh und wir hatten das Glück, dass der Wind den Qualm und die Funken nicht in unsere Richtung blies. So konnten wir durchatmen. Kalt war es, bitterkalt wehte es von See her und wir schlotterten, obwohl wir doch unsere Mäntel hatten.

In ziemlicher Entfernung stand ein Kessel unter dem ein Feuer flackerte. "Eine Feldküche" sagte meine älteste Schwester Vera. Gespannt sahen wir hinüber. Gab es wirklich etwas zu essen? Da brüllte jemand in einen Trichter: "Essenausgabe! Eine Reihe bilden!" Zuerst dachte ich, sie treten sich tot. Alle drängten in Richtung der Feldküche. Die Ordnerinnen hatten ihre liebe Not, die hungrigen Menschen in eine Reihe zu bekommen. Jeder bekam zunächst einen Blechnapf. Und dann gab es Milchsuppe und ein Stück Brot für jeden. Es war ein Festmahl. Mama hatte wieder Farbe im Gesicht und Ulla hörte auf zu weinen. Diese Nacht würden wir im Freien verbringen müssen. Nachdem wir uns aneinander gekuschelt auf den Decken niedergelassen hatten, schliefen wir erschöpft ein. Vera hatte uns zugedeckt, so gut es ging. Da brauste es in der Luft. Das wohlbekannte Geräusch riss uns aus dem Schlaf. Wir sahen viele Flugzeuge auf die brennende, qualmende Stadt zu fliegen. "Jetzt kriegt Danzig den Rest!" Veras Stimme war tonlos und ich dachte an Oma und meine Tanten. Wir pressten unsere Hände auf die Ohren, so, wie Mama es mit uns geübt hatte. So saßen wir, die Decken über unseren Köpfen, genauso, wie alle Flüchtlinge um uns herum und sahen zur Stadt hinüber. Viele Einschläge waren zu hören, und schwarzer Qualm verdunkelte die Sonne, die aufging, um die sterbende Stadt zu beleuchten und viele verzweifelte Menschen. Großmama! wo war sie? Wie mochte es ihr ergangen sein? Mein Herz raste wie wild vor Angst. Ich dachte: gleich springt es aus meinem Mund. - Ich rückte näher zu Mama und sie legte den Arm um mich und sagte in mein ängstliches Gesicht: " Ruhig Kleines, es geht alles vorüber!"

Irgendwann sind meine Augen wieder zugefallen. Mein Kopf sank in Mamas Schoß und ich befand mich plötzlich wieder im Luftschutzkeller zu Hause in Danzig. Wirres Geschrei um mich herum. Ich suchte in der Dunkelheit nach der Hand meiner Schwester Lotte. Ich hatte sie in dem Gedränge verloren. Panik erfasste mich. "Mama!" schrie ich " Mama!" aber ich wurde vorwärts geschoben und Todesangst hatte mich gepackt. Ich lief durch lange dunkle Kellergänge, hatte einen Kohlenkasten in der Hand, und meine Lampe hatte ich verloren. Da, ganz hinten ein Lichtschein! Ich ließ meinen Kohlenkasten los und rannte auf das Licht zu. Beim näher kommen sah ich, dass es Großmama war. Großmama mit weißem, leuchtendem Gesicht. Sie lächelte und breitete ihre Arme aus. Schluchzend und glücklich schmiegte ich mich in ihre Arme. "Ich weiß doch, dass du nicht tot bist!" Erleichtert weinte ich an ihrer Brust und meine Tränen durchnässten ihre gestärkte weiße Bluse mit dem hohen Kragen. Sie sprach kein Wort, zeigte nur mit dem Finger in eine Richtung und da sah ich meine Schwester Vera, die suchend umherlief. "Ja, ja, hier bin ich!" schrie ich laut und Vera kam mir entgegen. " Du machst immer Sachen!" schrie sie mich an "komm schon!" "Großmama! Sie ist nicht tot, sie ist da hinten!" Ich wollte umkehren, aber Vera ließ meine Hand nicht los. "Sie träumt!" hörte ich Mama sagen "hoffentlich bekommt sie kein Fieber!"

Reges Treiben herrschte um uns herum. In einiger Entfernung, einen Steinwurf weit, wurde ein Graben ausgehoben. Ab sofort durften die Flüchtlinge nur noch in diesem Graben ihre Notdurft verrichten. So war dieses Problem gelöst und wir machten bald, wie alle Anderen, Gebrauch davon. Einer nach dem Anderen meldete sich bei Mama ab. Ein frischer, kühler Wind wehte über das Lager. Wir saßen dicht beieinander und schlotterten unter unseren Decken. Aber wie sollten wir auch warm werden? Mama, die blass und mit tiefen Rändern um die Augen auf dem Boden kauerte, tröstete uns. "Gleich gibt es etwas Warmes!" Sie versuchte zu lächeln und zeigte auf die Feldküche. Es roch nach Milch! Dann wieder die lange Menschenschlange. Geduldiges Warten mit dem Blechnapf in der Hand. Mit umgehängten Decken standen wir hintereinander zwischen Mama und Vera, die aufpasste, dass keins von uns verloren ging. Dann löffelten wir begeistert unseren Grützbrei und Lotte stellte sich noch mal an. Es fiel nicht auf und sie lachte, als sie zurückkam. So erwachten unsere Lebensgeister langsam wieder. Wir waren zusammen und Mama sagte: " Ich bin richtig stolz auf euch, ihr habt so prima durchgehalten! ..." Dann hat Vera sie in den Arm genommen, und Mama hat geweint. Ratlos haben wir einander angesehen, und mein Bruder Arno schmiegte sich eng in meinen Arm. Langsam und zäh vergingen die Stunden. Mama schickte ein Gebet nach dem anderen in den Himmel. "Ob Ella und Hertha mit Oma es geschafft hatten, rechtzeitig aus der Stadt zu kommen?" die Frage beschäftigte unsere Mama. Die Ungewissheit lies sie immer wieder zum Rosenkranz greifen. Es war der einzige Trost, den sie hatte. Steine wurden zusammengetragen und eine Feuerstelle wurde errichtet. "Bald kommt ein Zug, ein Flüchtlingstransport!" Es hatte sich herumgesprochen und die Menschen fassten wieder Mut. Es sollte weitergehen, egal wie, nur weiter! Die Stimmung im Lager besserte sich zusehends.

Das große Lagerfeuer war erloschen, es gab nichts mehr zu verbrennen, außer ein paar Briketts, aber die waren für die Feldküche. Man wusste nicht, wie lange es noch dauern würde, bis der Zug kommen würde. Würden wir noch eine Nacht hier unter freiem Himmel aushalten müssen? Mama sah besorgt zum Himmel. Der Wind hatte gedreht und dicke Regenwolken zogen auf. " Nicht so viel sitzen! Bewegt euch!" sagte sie, " Du auch!" Lotte fuhr zusammen, still saß sie in ihre Decke gehüllt. Maulend stand sie auf und wir hopsten ein wenig herum. Eins, zwei, drei rechtes Bein, eins, zwei, drei linkes Bein!" Da war ein Geräusch zu hören. Heiß ersehnt und tausendfach erwartet. Eine Lokomotive stampfte heran. Ein Zug! Unser Zug! Stampfend näherte er sich dem Lager, das nahe den Bahngleisen lag. Wir konnten erkennen, obwohl der Zug ziemlich weit von uns entfernt zum Stehen kam, dass die Lokomotive offene Loren hinter sich zog. Jetzt verwandelten sich die Flüchtlinge in aufgeschreckte Hornissen. Das Lager glich einem Hexenkessel. Ich weiß nicht, ob ich beschreiben kann, was sich jetzt abspielte. Der Zug hielt, und die Menschen setzten sich in Bewegung. Vergeblich versuchten die Ordner die aufgeregte Menge zur Ruhe und Ordnung zu bringen. Alle griffen, was sie greifen konnten. Sie zogen ihre Kinder aus den Wolldecken, nahmen ihre Bündel, und liefen auf den Zug zu. Fünf Loren waren es, nur fünf, und darin sollten so viele Menschen verstaut werden?!

Ein Geschubse und Gedränge war das, und es waren Mamas laute, klare Kommandos die unsere Familie zusammen hielten. "Zu zweit hinter mir bleiben!" rief sie, "wir laufen zum letzten Wagen!" Ulla fing an zu weinen, und wir waren schon ein Stück gelaufen, als sich Vera plötzlich umdrehte und zurücklief. Mama bemerkte das gar nicht. Mit Arno an der Hand lief sie uns voraus. Dann waren wir fast schon beim letzten Wagen angelangt, als ich mich einen Moment lang umdrehte. Wo war Vera? kam sie nicht endlich? Da spürte ich einen Tritt, und jemand hatte mich umgeworfen. Ich ließ Lottes Hand los und stürzte unter den Zug auf das Gleis. Mama sah es und rief meinen Namen. Dann drückte sie Lotte die kleine Ulla in den Arm und zog an meinen Beinen. Oh, sie kämpfte wie eine Löwin. Endlich hielt sie mich fest an den Fußfesseln und zog mich kopfüber zu sich herauf. Mein Kleid ging dabei in Fetzen, und ich stand mit nacktem Po inmitten meiner Geschwister. Der linke Arm tat mir schrecklich weh. Es regnete inzwischen, und ich spürte die kalten Tropfen auf meiner bloßen Haut. Mama schlang eine Decke um mich, und eine Frau zog ihren Gürtel aus ihrem Mantel. So wurde die Decke an meinem Körper befestigt. Vera war wieder bei uns. Später erzählte sie mir, sie hätte einen Korb mit "wichtigen Sachen" stehen lassen. Darum ist sie zurück gelaufen. Nacheinander wurden wir in die Loren geschoben. Viel Zeug blieb am Bahngleis zurück. Karren mit Hausrat, Wannen voll mit Geschirr, Kinderwagen; die Babys mussten auf den Arm genommen werden. "Ihr braucht die Sachen nicht, ihr kommt in ein Lager. Los doch, Beeilung!"

Eine Frau griff sich aus ihrem Karren ein pralles Kopfkissen. Die Ordnerin schrie sie an: "Keinen unnötigen Kram! Wir haben keinen Platz!" Da platzte der Kissenbezug auseinander, und eine Flut von schönen braunen Keksen fiel auf den Boden der vollbesetzten Lore. Wir Kinder stürzten uns wie die Habichte auf den seltenen Schatz, und die Frau schimpfte und schrie. Sie ging mit Fäusten auf die Ordnerin los. - Inzwischen hatten wir, und natürlich auch andere Kinder, gerettet, was zu retten war. Wir stopften die Kekse gleich in den Mund, da konnte man sie uns nicht mehr wegnehmen. Die Frau setzte sich auf ihr Bündel, und ihre Augen schossen Blitze. Ja, und dann rollte der Zug. Schnaufend setzte sich die Lok in Bewegung. Waren alle mitgekommen? Das ganze Lager? Ich weiß es nicht. Es ist eher unwahrscheinlich. Aber vielleicht kam ja auch noch ein anderer Zug, um die Menschen aufzulesen- wer weiß!

In dem Zug wurden wir ermahnt, die Köpfe unten zu lassen. "Nicht hinaussehen! Es kann sein, dass wir unterwegs beschossen werden!" Irgendwann fuhr unser Zug durch ein dichtes Waldgebiet. Ich sehe noch die Sterne über uns, als plötzlich Schüsse durch die Nacht peitschten. Die Geschosse prallten an den Loren ab, und das machte ein hässliches Geräusch. Aber niemand wurde in unserem Wagen verletzt. Pfeifend flogen die Kugeln über unsere Köpfe hinweg, dann war wieder Ruhe. Mamas Kopf fiel immer wieder auf ihre Brust. Auch wir konnten die Augen kaum noch offen halten. Das gleichmäßige Rata-ta-rata-ta schläferte uns ein. Stunden vergingen; die vielen erschöpften Menschen kauerten stumm und ergeben auf dem Boden, als der Zug plötzlich kreischend hielt. Eine Ordnerin schrie: "Ihr könnt hier austreten, wir machen zehn Minuten Pause!" Benommen erhoben wir uns, unsere Beine waren eingeschlafen. "Die Männer rechts, die Frauen links!" Die Ordnerin dirigierte uns in die richtige Spur, und meine Schwester Vera achtete darauf, dass wir wieder zurück fanden in unseren Wagon. "Bleibt zusammen, lasst eure Hände nicht los, egal was los ist!" Ich dachte, als ich im Graben Pipi machte, was wäre, wenn ich hier ganz allein im Wald vergessen würde? Ohne meine Mama, ohne Vera und die anderen Geschwister. Meine Augen tasteten in der Dunkelheit ängstlich zur Seite. Ja, da war Giesela, da Margot, ich konnte sie undeutlich erkennen. Da musste Mama sein, mit Ulla! Ja, ich sah kurz das geblümte Kopftuch aufleuchten. Umständlich, immer meine Geschwister im Blick, ordnete ich die Decke, die meinen Körper einhüllte. "Alle fertig?" Veras Stimme war hell und laut, und sie rief: "Anfassen! Immer zwei und zwei!" "Und los!"

So gingen wir wieder zum letzten Wagen und krabbelten hinein. Mama war schon auf ihrem Platz, und sie sagte: "Ganz nah zusammen rücken!" Es war kalt und dunkel. Wir hockten eng beieinander und wärmten uns gegenseitig. Um uns herum viele weinende Babys, die von Frauen auf dem Arm gehalten wurden. Ich erschrak, als eine alte Frau in unserer Nähe sich übergeben musste. Lottes Kleid kriegte was ab. Hilfe suchend sah sie Mama an: " Wischs ab!" sagte sie, und ich nahm das Essigtuch aus der Manteltasche und wischte den übel riechenden Brei aus Lottes Kleid. Natürlich blieb ein Fleck zurück. Aber was machte das? Unsere Kleider waren sowieso schmutzig, und die langen Strümpfe hatten auf den Knien Löcher. Außerdem hatten wir alle durchgeschlagene Knie. Das Blut war eingetrocknet, wir kümmerten uns nicht darum.

Krachend wurde der Waggon von außen verschlossen. Ein Mann mit Armbinde rief: "Ihr kommt jetzt in ein anderes Lager. Es ist ein großes Haus. Dort gibt es Wasser und zu essen, zweimal am Tag! Auch Toiletten sind dort und Feldbetten! Also haltet durch! Wir sind in etwa drei Stunden am Ziel!" Unglaublich! Diese Aussichten ließen uns die Enge des Viehwagens und den unbeschreiblichen Gestank besser ertragen. Unsere Mama saß im Schneidersitz auf dem Boden, und weil Ulla nicht mehr weinte, machte sie ein Nickerchen. Immer wieder übermannte sie die Müdigkeit. Arno und Lotte schliefen. Der kleine Kerl hatte seinen Kopf in den Schoß seiner großen Schwester gelegt, und sein Gesicht war ganz entspannt. Ich sah, dass tiefe Ränder um seine Augen lagen. "Liebes Jesuskind, da drinnen in mir, pass auf uns auf!" flüsterte ich vor mich hin, und tastete nach dem Kettchen mit dem Kreuz dran, das Großmama mir geschenkt hatte. Ja. es war noch da! Beruhigt schloss ich die Augen und dachte an Oma. Ob sie jetzt ein Engel und unsichtbar unter uns war? Ich kämpfte mit den Tränen, die in meinem Hals aufstiegen und war Lotte dankbar, die mir im Schlaf einen Tritt gab, sodass ich zusammenfuhr. Der Kloß in meinem Hals war augenblicklich verschwunden.

Es war schon fast Tag geworden. Über uns die Sterne waren schon ganz blass. Da hielt unser Zug. Mama schreckte hoch, und Arno musste brechen. Auch Margot, die sich tapfer gehalten hatte bis jetzt, hatte plötzlich Bauchweh. "Ich glaube ich muss br....!" Sie hielt sich ihr Tuch vors Gesicht, damit sie Vera nicht in den Rücken brach. Es stank fürchterlich, und wir waren froh, endlich aussteigen zu können. Die Loren wurden geöffnet und vorsichtig bewegten wir unsere starren Glieder. Durch das Sitzen auf dem engen Raum, mit angezogenen Beinen, waren die Füße wieder eingeschlafen, und wir hatten einige Mühe, bis das Blut wieder richtig in Fluss kam. Dann standen wir fröstelnd, mit unseren Decken bekleidet, zwischen vielen fremden Menschen, müde, und in einem tranceartigen Zustand neben dem Zug.

"Alle da?" Mama, hohläugig, mit Ulla auf dem Arm, zählte ihre Kinder. Ja, alle waren heil und gesund. Mein Arm tat höllisch weh, aber ich sagte nichts, hielt nur stumme Zwiesprache mit Oma und dem Jesuskind. Ich stellte mir vor, Oma ginge neben mir und tapfer stapfte ich neben meinen Geschwistern her. In langer Reihe schlichen viele müde, ausgehungerte Menschen einen ziemlich breiten Weg entlang. Auf einer Anhöhe war ein Haus, ein großes Haus, und daneben ein Gebäude mit halbkreisförmigem Dach. Das Lager! - "Ein Bunker!" sagte Vera und mit blanken Augen übernahm sie das Kommando. Mama konnte nicht mehr, sie war am Ende ihrer Kraft. "Zusammen bleiben!" schrie Vera als Giesela schwankend stehen blieb, "Komm, nicht schlapp machen, gleich ist es geschafft!" So trotteten wir mit den vielen Menschen um uns herum auf den Bunker zu. Da zog ein Duft in unsere Nasen. "Milch!" Es war, als hätte jemand das Licht in uns angeknipst! Milch! "Nicht drängeln!" Eine Frau mit einer blauen Schürze und einer Suppenfülle in der Hand stand am Eingang. Und dann wurde Brot verteilt, richtiges Brot, und jeder bekam einen Napf voll Milchsuppe. Das war wie Weihnachten und Ostern zusammen. Gries war das, und es schmeckte wunderbar. Mamas Augen bekamen wieder Glanz und Vera sorgte dafür, dass wir alle in der Reihe saßen. Ja, richtige Feldbetten gab es, mit Decken, die grau waren, mit dunkelblauen Streifen. Glücklich aßen wir unsere Suppe und das Stück Brot, und Vera sagte. "Langsam essen, sonst brecht ihr alles wieder aus!" So machten wir es, und keiner sprach ein Wort. Um uns herum liefen Menschen, Kinder weinten oder lachten, Omas und Opas versuchten, sich auf den Feldbetten hinzulegen.

Auch ich war nun ganz, ganz müde und merkte, dass Vera an mir herumzupfte, weil ich doch die Decke und den Gürtel immer noch um hatte. Ich schrie leise auf, als sie meinen Arm berührte. "Ist er gebrochen?" Besorgt sah meine große Schwester mich an. "Weiß nicht, tut nur so schrecklich weh!" Meine Stimme war belegt von den Tränen, die ich fortwährend hinunterschluckte. "Leg dich hin, ich versuche, Hilfe zu holen!" Vera lief davon; ich sah sie zwischen den vielen Menschen hin- und her laufen. Nach einiger Zeit kam sie mit einer Frau, die eine Armbinde mit dem Roten Kreuz drauf trug, zurück. Mit einigen gekonnten Griffen untersuchte sie mich. Mein Arm wurde in ein Tuch gelegt, das in meinem Nacken verknotet wurde. So hatte er sicheren Halt, und die Schmerzen waren besser zu ertragen. Dankbar versuchte ich ein Lächeln, und zufrieden klopfte die freundliche Frau meine Wange. Dann ging sie davon und ich sah, dass meine Geschwister alle schon auf den Pritschen lagen und schliefen. Auch Mama legte sich jetzt hin. Ich sah ihr liebes Gesicht, blass und mit tiefen Rändern um die Augen. "Versuch zu schlafen", sagte sie zu mir. " Sicher wird dein Arm bald gar nicht mehr wehtun!" Ich sagte leise: "Gute Nacht Mama!" und bald fielen mir die Augen zu vor grenzenloser Erschöpfung.

Das Lagerleben gefiel uns Kindern gut. Es gab einmal am Tag eine warme Suppe, meistens Milchsuppe, zwar ohne Zucker, aber sie schmeckte auch so köstlich, morgens und abends ein Stück duftendes Brot und Wasser, soviel man wollte. Auch Toiletten gab es. Sie befanden sich außerhalb des Bunkers. Den Geruch dieser Toiletten kann man nicht beschreiben. Ich hielt den Atem an, als ich zum ersten Mal den Raum mit den vielen Türen betrat. Mit Arno an der Hand stand ich eine kleine Weile in der Tür. Aber es half nichts, auch hieran musste man sich gewöhnen. - Wir bekamen endlich Unterhosen. Es gab eine Kammer mit vielen Regalen an den Wänden. Darin lagen Wolldecken hoch gestapelt. Sachen zum Anziehen, nicht neu, aus vielen Spenden zusammengetragenes Zeug für die vielen Flüchtlinge. Mama bekam einen ganzen Arm voll Kleidungsstücke, die wir erfreut untereinander verteilten. Ich erwischte ein paar Schuhe. Viel zu groß, aber was machte das schon! Lange Strümpfe gab es für jedes Kind, und Arno hatte Glück, er bekam eine warme Mütze. Zum ersten Mal seit unserer Flucht aus Danzig, sah ich Arno lächeln. So saßen wir frisch eingekleidet auf den Pritschen, und wenn mein Arm nicht so wehgetan hätte, wäre alles wunderbar gewesen. Mama wickelte unsere verschmutzten Kommunionkleider zu einem Bündel zusammen und gab sie einer Frau, die die alten Sachen der Flüchtlinge einsammelte.

Wir schliefen sehr unruhig, denn wir kratzten uns die ganze Nacht. Vera untersuchte die Wolldecken genau und sagte: "sie sind voller Flöhe!" Auch das noch, was war zu tun? "Aushalten, bald verlassen wir das Lager", sagte Mama. Aber erst mussten wir zu Kräften kommen, und außerdem hatte die kleine Ulla einen wunden Po. Wir bekamen Lebertransalbe und Tücher und das Problem war bald vergessen. So vergingen die Tage und der April war vorbei, da lief wie ein Lauffeuer eine Nachricht durch das Lager. Hitler ist tot! Er hat sich das Leben genommen! Der Krieg ist endlich aus! - Die Menschen umarmten sich. Sie liefen hin und her; ganz aufgeregt erzählten sie einander die Neuigkeit. Erleichterung überall, Tränen der Freude, überschäumende Ausgelassenheit. So manch altes Mütterchen sah man mit gefalteten Händen beten. Auch Mama nahm wieder ihren Rosenkranz und sagte zu uns: Das Schlimmste ist vorbei, jetzt kommen bestimmt keine Tiefflieger mehr...! Aber es sollte noch lange nicht vorbei sein. - Viele Familien verließen das Lager. Warm eingepackt machten sie sich auf den Weg. Mama wollte noch ein paar Tage warten, es war noch ziemlich kalt. Dann brachen aber auch wir auf.

Quelle: LEMO






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